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Vom tieferen Sinn
des Kritzelns

Interview mit Dr. Cathy Malchiodi

Die Kunsttherapeutin Dr. Cathy Malchiodi erklärt, warum das Zeichnen von Mustern Konzentration und Gedächtnis fördert. Passagen dieses Interviews entnehmen wir dem Artikel „Doodling Your Way to a More Mindful Life“, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Also wieder einmal ein langatmiges Telefongespräch, ein verspäteter Zug. Glücklicherweise haben wir einen Stift dabei, dazu ein Blatt Papier oder einen Bierdeckel, die Rückseite eines Werbebriefs unseres Stromanbieters. Was passiert? Wir fangen an zu kritzeln, und unversehens füllt sich das Blatt mit Mustern oder Blümchen. Warum wir das tun, und was für einen tieferen Sinn das hat, erfahren wir von der amerikanischen Psychologin Dr. Cathy Malchiodi, einer international führenden Expertin in der Kunsttherapie. Also fragen wir sie mal:

Dr. Malchiodi, fast jeder kritzelt bei solchen Gelegenheiten vor sich hin – oder täte es gerne, zum Beispiel am Besprechungstisch. Aber sehen sollte das niemand. Warum eigentlich nicht?

Stimmt, das Kritzeln hat einen schlechten Ruf. Dies rührt womöglich daher, dass man es schlicht als jenes unbewusste Musterzeichnen abschreibt, wie man es eben so tut, während man sich eigentlich mit anderen Dingen beschäftigt. Doch das greift um Längen zu kurz. Für viele Menschen ist das Kritzeln eine Art Zufluchtsort – zum Beispiel vor der Langeweile.

Aber Sie meinen, dass das Kritzeln darüber hinaus eine regelrecht heilsame Wirkung hat?

Für mich ist das Kritzeln ein durchaus zielgerichtetes Handeln, weit mehr als bloße Gedankenlosigkeit. In meinen Kunsttherapie-Sitzungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe ich mehrere tausend Menschen beim Kritzeln beobachtet. Ich kann sagen, dass darin sehr viel Beruhigendes und Heilsames steckt. Alle, die vor sich hin kritzeln, finden zu einigen Mustern, die sie offenbar als angenehm und entspannend finden und zu denen sie immer wieder zurückkehren.

Demnach hätte das Musterzeichnen also einen tieferer Sinn?

Ganz bestimmt. Und das lässt sich auch wissenschaftlich nachweisen. Die Forschung belegt, dass Kritzeln unserem Gedächtnis auf die Sprünge hilft. Das fand man in einem Experiment im Jahr 2010 heraus. Den Teilnehmern wurde am Telefon die Gästeliste für eine Party vorgelesen, zugleich mit dem Hinweis, wer sein Kommen zugesagt und wer abgesagt hatte. Die Hörer sollten nur die Namen jener Personen notieren, die zur Party kommen würden, die anderen Namen sollten ignoriert werden. Auch wurde den Versuchspersonen gesagt, dass sie sich die Namen der Kommenden nicht merken, sondern nur aufschreiben müssten.
Dann wurden die Versuchspersonen in zwei Gruppen geteilt. Eine Hälfte der Versuchspersonen sollte, während sie die Namen notierten, kleine Quadrate und Kreise auf dem Papier ausfüllen. Die andere Hälfte sollte lediglich zuhören und die Namen aufschreiben.
Was die Versuchspersonen nicht wussten: All dies diente nur zur Vorbereitung eines Gedächtnistests, der nun überraschend folgte. An wie viele Namen hatten sich die Teilnehmer erinnert? Wie sich zeigte, hatte sich die Gruppe der Kritzler ein Drittel mehr Namen gemerkt als jene, die nur Namen aufgeschrieben hatten. Das beiläufige Füllen der Muster hatte ihre Gedächtnisleistung deutlich erhöht.

Das würde ja bedeuten, dass es man sich besser konzentrieren kann, wenn man nebenbei vor sich hin zeichnet. Wie lässt sich das erklären?

Normalerweise schweifen die Gedanken bei einer langweiligen Arbeit ab. Das Kritzeln scheint dies zu verhindern, und wir hören in der Tat aufmerksamer zu. Das beiläufige Zeichnen hält uns sozusagen in der Gegenwart fest. Wir bleiben eher bei der Sache und nehmen Information deutlicher auf. Mit anderen Worten: Wer kritzelt, ist geistig anwesend, also gar nicht so weggetreten, wie man meinen möchte.

Wir haben bisher über das beiläufige Zeichnen von irgendwelchen Mustern gesprochen. Wie steht es dann mit der Zentangle-Methode?

Das ist eine gezielte, strukturierte Form des Zeichnens, die dem Kritzeln sehr ähnelt. Ich halte Zentangle für eine meditative Kunstform mit durchaus therapeutischer Wirkung. Diese These stützt sich auf Vorstudien und auf viele Berichte von Tanglern. Das Zeichnen von sich wiederholenden Strichen, aus denen bestimmte Muster entstehen, bringt Entspannung und wirkt sich positiv auf Selbstkontrolle, Stimmung und Stressabbau aus. Im Vergleich mit der Vielfalt des Kritzelns ist Zentangle deutlich konzentrierter und viel bedächtiger. Dennoch bleibt viel Freiheit in der Gestaltung der Muster, Linien, Formen und Schattierungen.

Sie sprechen also von geradezu therapeutischen Effekten des Musterzeichnens?

Das Wunderbare am Kritzeln ist, dass dabei das gesamte Gehirn spontan und manchmal unbewusst mitwirkt. Diese Tätigkeit beruhigt, macht zufrieden und führt zu einer vertieften Selbstwahrnehmung. Und sie reguliert sich im Tun selbst und bringt Harmonie ins Denken und Fühlen indem sie, psychologisch gesprochen, das explizite Gedächtnis (also das, was wir bewusst wissen) wieder mit dem impliziten Gedächtnis verknüpft. Implizit ist das, was wir wissen, ohne dass uns dieses Wissen bewusst ist. Wenn sich Menschen mit Stift und Papier künstlerisch und kreativ ausdrücken, stärken sie diese Verbindung. Das wäre dann der tiefere Sinn des Kritzelns.