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Warum uns meditatives
Zeichnen so gut tut

Von Dr. Cathy Malchiodi

Die US- Psychologin Dr. Cathy Malchiodi ist eine international führende Expertin in der Kunsttherapie und Autorin zahlreicher Standardwerke. In der renommierten amerikanischen Zeitschrift „Psychology Today“ beschreibt sie die heilsamen Effekte meditativen Zeichnens am Beispiel von Zentangle. Hier eine Zusammenfassung des Artikels. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Viele Kreative kennen Zentangle als Methode, aus abwechslungsreichen Mustern gegliederte Designs anzulegen. Die Schöpfer Rick Roberts und Maria Thomas beschreiben Zentangle als eine spezielle, meditativ-krea­tive Art und Weise, Bilder schwarz auf weiß zu zeichnen. Die Methode wird zum Stressabbau, im Motivations­training und in der Psychotherapie eingesetzt.
Zentangle als solches mag neu sein, doch sind seine Grundprinzipien so alt wie die Menschheitsgeschichte. Hier finden sich Symbole, Ornamente und Muster vieler alter und heutiger Volkskulturen wieder. Wie das „Kritzeln“ beruht es auf dem allgemein menschlichen Wunsch, sich aus dem planenden Denken zurückzuziehen – indem man auf absichtslose Weise Linien und Formen entstehen lässt.
Warum ich mich für Zentangle interessiere? So verwirrend und verworren der Prozess erscheinen mag: Es handelt sich um einen recht transparenten Leitfaden auf dem Weg zu Entspannung. Anwender berichten, dass sie dabei Ängste verlieren und an Selbstbewusstsein gewinnen. Sie nehmen sich besser im Hier und Jetzt wahr. Solche Effekte gleichen jenen der Achtsamkeitsmeditation.

Zur Ruhe kommen

Wiederholungen beim kreativen Schaffen können von sich aus beruhigend wirken. Im Blick auf die Zentangle-Technik weisen Untersuchungen auf eine entspannende Wirkung hin, da man kein definiertes Ziel verfolgt, sondern offen bleibt für alles, was sich so ergibt.

Fehler dürfen gemacht werden

Tuschestriche können nicht radiert werden. Immer wieder riskiert man also unkorrigierbare Zeichenfehler, und diese passieren auch. Zentangle lehrt uns, solche Ausrutscher in die Gesamtheit des Designs einzubauen. Eine wunderbare Metapher für das Alltagsleben: Nichts ist jemals perfekt; es kommt allein darauf an, aus etwas Fehlerhaftem oder auch nur Unvorhergesehenem das Beste zu machen.

Die Freuden des Augenblicks

Ich würde das Tangeln als eine Form kreativer Absichts­losigkeit betrachten wollen, die wir, wie der Zen-Meister Thich Nhat Hanh bemerkt, viel eher kultivieren sollten als das Bestreben, die „Nummer eins“ zu sein. In der Geh-Meditation etwa wollen wir keinen bestimmten Ort erreichen. Denn während wir in die Zukunft planen, haben wir keine Freude am Schreiten im Hier und Jetzt. So ist es auch beim Zeichnen. Wir verlieren den Kontakt zur Gegenwart, wenn wir ständig etwas beabsichtigen. Doch wenn wir uns schöpferisch ausdrücken und einfach den kreativen Prozess genießen, dann freuen wir uns über unser Hiersein.